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594 Bitcoin einfach weg: Die Coldcard-Katastrophe

Innerhalb kürzester Zeit wurden Tausende vermeintlich sichere Hardware-Wallets leergeräumt. Wie es dazu kommen konnte und was das mit Open Source und KI zu tun hat.
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von Jens Daniel
01. August 2026
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Coldwallet-Nutzer hätten besser würfeln sollen.

Bild: @magnific / Liberty Labs

Am 30. Juli 2026 erlebten Tausende von Krypto-Asset-Haltern einen Albtraum: Innerhalb von Minuten verschwanden Assets in Höhe von über 594 BTC aus vermeintlich sicheren Hardware-Wallets der Marke Coldcard. Das Verrückte: Die Wallet mussten weder mit einem Computer oder dem Internet verbunden noch angeschaltet sein. Der Diebstahl ist auch nicht das Ergebnis eins Hack. Der Hersteller hatte schlicht geschlampt – und nur dem Dieb und einer KI war es aufgefallen.

Rodolfo Novak, Gründer und CEO von Coinkite, dem Hersteller der kompromittieren Coldcard, eilt kein allzu guter Ruf voraus. Als SeedSigner entstand, ein Projekt zur Herstellung einer kostengünstigen Hardware-Wallet im Do-It-Yourself-Verfahren, registrierte Novak eine Reihe von Internetdomains, die den Ausdruck „SeedSigner“ enthielten, ohne selbst Teil des Community-Projekts zu sein, und leitete sie auf seine Website weiter.

2020 beschwerte er sich öffentlich auf Twitter (heute X), als ein Konkurrent sich seiner bis dato frei verfügbaren Firmware bediente und mit „Passport“ eine konkurrierende Wallet auf den Markt brachte.

Das fragwürdige Gebaren des Coinkite-CEO

Doch die Konkurrenten taten nichts Verbotenes, sondern genau das, was ein Grundgedanke von freier und quelloffener Software ist, für die Novak sich selbst ursprünglich entschieden hatte.

Zügig stellte Coinkite daraufhin die Lizenzierung ihrer Firmware, also der Software, die auf den Geräten des Herstellers läuft, von GPL auf Common Clause MIT um, wodurch das Kopieren von Code, um ein Konkurrenzprodukt zu verkaufen oder einen kostenpflichtigen Service auf Basis dieser Software anzubieten, ausdrücklich untersagt ist. Im Zuge dessen wurden auch bewährte GPL-lizenzierte Programmbibliotheken anderer Entwickler, u. a. vom Konkurrenten Trezor, entfernt und durch neue ersetzt.

Alles hängt vom Zufallszahlengenerator ab

Offensichtlich war diese Umstellung zu zügig: Denn statt des eigentlich in der Coldcard verbauten und sicheren True Random Number Generators (TRNG), der über einen Secure-Element-Chip der Kategorie EAL5+ oder EAL6+ erzeugt wird, nutzte die Firmware des Gerätes ab Anfang 2021, wie es scheint, einen vollkommen ungeeigneten Pseudo Random Number Generator (PRNG). Im Lifecycle, also dem Programmablauf, wurde dann zwar intern abgefragt, ob ein TRNG vorhanden, nicht aber, ob er auch tatsächlich genutzt wird – mit dramatischen Folgen.

Die Saat allen Übels

Die Entropie des Seeds, also das Maß für seine Zufälligkeit, entsprach nun etwa der eines achtstelligen Passworts. Einer Brute-Force-Attacke konnte er somit nie standhalten. Einen Schutz gegen milliardenfaches Raten gibt es im Kryptospace nicht, da kein Abgleich mit Daten stattfindet. Ein Seed ist nirgends niedergeschrieben und steht auch nicht in irgendeiner Datenbank, wie es bei einem Zugang mit Benutzername und Passwort der Fall ist.

Ein mithilfe des EAL5+-Chips generierter Seed ist – vereinfacht ausgedrückt – eine sehr lange Zufallszahl. Mathematisch ausgedrückt heißt das: Bei einer Entropie von 256 bit gibt es 22562^{256}mögliche Werte. Das ist ungefähr 1,16×10771{,}16 \times 10^{77} – eine astronomisch hohe Zahl mit 78 Dezimalstellen!

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein zertifizierter Sicherheitschip zwei Nutzern denselben Seed generiert, ist also verschwindend gering – die Wahrscheinlichkeit, dass eine Maschine sie errät, ebenfalls.

Um Vermögen abzuziehen, müsste ein Bot also mit einer Nadel in sämtlichen Heuhaufen und Feldern der Welt herumstochern, einen gültigen Seed finden, assoziierte Adressen errechnen, diese auf potentielles Assetvermögen untersuchen und hierfür den jeweiligen privaten Schlüssel errechnen.

Im Fall des Coincard-Skandals musste der Dieb nur im Heuhaufen von Bauer Heini Fritz herumstochern. Denn praktisch alle Coincard-Nutzer hatten unwillentlich ihre Seeds in Fritz’ Heuhaufen vergraben.

Wird ein Secure-Element-Chip verwendet, ist ein Erraten des Seeds also so gut wie unmöglich. Zumindest wenn der Hardware-Hersteller auch die Sicherheitselemente nutzt, die er in seinen Geräten verbaut. Doch das tat Coinkite ganz offensichtlich nicht.

Bild: YouTuber ForrestHODL mit Coldcard (Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=BUI2d_0OUzU)

In „sicheren“ Hardware‑Wallets kommt in der Regel keine einfache Software‑Zufallsquelle (/dev/random im PC) zum Einsatz, sondern eine hardwarebasierte Quelle:

  • TRNG/HRNG auf Secure-Element-Chip
    Viele Geräte nutzen einen zertifizierten Sicherheitschip (Secure Element, z. B. EAL5+/EAL6+), der einen integrierten True Random Number Generator besitzt. Dieser basiert auf physikalischen Prozessen wie:
    • thermischem Rauschen von Widerständen/Dioden
    • Rauschen in Oszillatoren
    • anderen nicht vorhersagbaren analogen Effekten im Chip
  • Zusätzliche Entropiequellen im Gerät
    Hochwertige Wallets kombinieren oft mehrere Quellen, um Redundanz und Failsafes zu schaffen, z. B.:
    • TRNG auf dem Secure Chip
    • TRNG auf dem Mikrocontroller
    • werkseitig eingespeicherte, einzigartige Zufallswerte
    • Entropie vom Host‑PC (z. B. /dev/urandom)
    • kryptografischer Hash des Geräte‑Passworts
      Diese werden per XOR / Hash kombiniert, sodass die Gesamtentropie mindestens so stark ist wie die stärkste Quelle.

Beispiel BitBox02 (Shift Crypto): Dokumentiert explizit fünf Entropiequellen, darunter zwei echte Hardware‑TRNGs, und kombiniert sie kryptografisch, um den Wallet‑Seed zu erzeugen.

Warum das wichtig ist

  • Ein schwacher oder vorhersagbarer Zufallsgenerator würde bedeuten, dass Angreifer den Seed berechnen oder eingrenzen könnten – die gesamte Wallet wäre kompromittiert.
  • Mit 256 Bit guter Entropie ist die Anzahl möglicher Seeds so groß (2256), dass ein Brute‑Force‑Angriff praktisch unmöglich ist.
  • Die Kombination mehrerer Entropiequellen reduziert das Risiko, dass ein einzelner defekter oder manipulierter Generator die Sicherheit bricht.

Nutzerkontrolle: Eigene Entropie hinzufügen

Viele Hardware‑Wallets bieten zusätzlich die Möglichkeit, eigene Entropie einzuspeisen, um dem internen RNG nicht blind vertrauen zu müssen:

  • Würfel‑/Münz‑basierte Seeds (z. B. Coldcard, SeedSigner, Specter DIY):
    • Der Nutzer würfelt z. B. 99‑mal (oder flippt 256‑mal eine Münze).
    • Diese Würfe werden in binäre Werte umgewandelt, zu einem Hash (meist SHA‑256) verarbeitet und daraus die Seed‑Phrase abgeleitet.
  • Dice‑Roll‑Feature in der Wallet:
    • Der Nutzer gibt Würfelzahlen direkt ins Gerät ein; die Firmware prüft die Mathematik und zeigt die daraus resultierende Seed‑Phrase an.
  • Manuelle Seed‑Eingabe:
    • Der Nutzer generiert die Phrase extern (z. B. mit Würfeln + Open‑Source‑Tool) und importiert sie in die Wallet.

Das erlaubt ein „Trust‑but‑verify“‑Modell: Selbst wenn der interne TRNG kompromittiert wäre, sorgt die zusätzliche, vom Nutzer kontrollierte Entropie dafür, dass der resultierende Seed nicht vorhersagbar ist.

Typische Architektur im Überblick

  • Sicherer Chip (Secure Element/MCU mit TRNG)
    • Liefert hardwarebasierte Zufallsbits.
    • Oft mit Zertifizierungen (z. B. Common Criteria EAL5+/EAL6+).
  • Firmware/Krypto‑Stack
    • Sammelt Entropie aus mehreren Quellen.
    • Mischt sie kryptografisch (XOR, Hash).
    • Erzeugt 128/256 Bit Master‑Entropy.
    • Wandelt sie per BIP‑39 in 12/24 Wörter um.
  • Optional: Nutzer‑Entropie
    • Würfel, Münzen, manuelle Eingabe.
    • Wird in denselben Hash‑Prozess eingespeist.

Niemand war sich gewahr, dass die Entropie des Seeds viel zu gering war. Die Wallet hatte schließlich einen leistungsfähigen EAL5+-zertifizierten Chip für so etwas – was sollte da schon schiefgehen?

Programmierfehler blieb unentdeckt

Der Programmcode ist und war zwar nicht frei kommerziell verfügbar, wohl aber für jeden einsehbar. Dennoch fiel die einzelne fehlerhafte Codezeile niemandem auf, wohl auch deshalb, weil nicht kommerziell nutzbarer Code für andere Hersteller eher uninteressant ist.

Ausgerechnet eine Cold Wallet, ein Gerät, das den privaten Schlüssel so sicher bewahrt, dass dieser nie ins Internet gelangt, also „kalt“ ist, und das als sine qua non gilt, war nun die größte Gefahr für seine Nutzer.

Hunderte von prominenten YouTubern, vor allem aus den USA, bewarben jahrelang nichts ahnend die Coldcard in ihren Videos.

Scheunentor stand offen

Da aus dem Seed (die bekannten 12 oder 24 Wörter, die man Seedphrase nennt, sind als menschenlesbares Backup für den eigentlichen kryptografischen Ausgangswert zu verstehen) der öffentliche Schlüssel, der private Schlüssel und auch die Adressen generiert werden, standen die Scheunentore von Tausenden von Kryptoasset-Inhabern nicht einfach nur offen, nein, im Wagen steckte der Schlüssel und auf dem Beifahrersitz lagen Fahrzeugbrief und Fahrzeugschein.

Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis diese Schwachstelle durch eine KI entdeckt und durch einfaches Erraten von Seeds, etwa durch einen KI-Bot, ausgenutzt werden würde.

Da der Seed offline generiert wird und die Basis für Besitz- und Eigentumsnachweis ist, aus dem sich alle weiteren Rechte ableiten, wiegt der Fall besonders schwer. Denn ein Dieb, der einen Seed errät, benötigt weder physischen noch digitalen Zugang, um Assets aus einer fremden Wallet abzuziehen.

Vergleichen wir das Anlegen einer digitalen Wallet mit dem Pflanzen eines Baumes.

Damit dieser wachsen kann, säen wir eine Saat, englisch „Seeds“, aus. Alsbald bilden sich Wurzeln, die unter der Erde liegen und ihm einen festen Stand bieten.

Die Wurzeln des Baumes sind der private Schlüssel, der vor aller Augen verborgen unter der Erde liegt. Dem Baum wachsen oberirdisch Stamm, Äste und Blätter. Der Stamm ist der für alle gut sichtbare, öffentliche Schlüssel, die Äste und das Blattwerk sind seine aus ihm abgeleiteten öffentlichen Adressen. Alle Teile des Baumes teilen sich dieselbe eindeutige DNA.

Im Fall der Coldcard-Wallet war bereits die Genetik der Saat so fehlerhaft, dass der Baum an seinen Wurzeln verfaulte, bis er nun zu Fall kam.

Der Wallet-Baum: Genese einer Kryptowallet (Bild: Jens Daniel).

Die Wurzel des Problems

Alle Sicherheitsfeatures, die eine sichere Wallet ausmachen, sind dann obsolet, wenn bereits der Seed erraten werden kann. In diesem Fall nutzt es überhaupt nichts, dass die Wallet nicht nur über den Secure-Element-Chip, einen separaten Mikrocontroller zur Speicherung des privaten Schlüssels oder eine besonders verschlüsselte USB- oder Bluetooth-Verbindung verfügt. Wenn bereits die Entropie der Zufallszahl zu gering ist, sind all diese schönen Features unnütz.

Auch Nutzer, die eine ab 2021 ursprünglich mit einer Coldcard generierte Seedphrase zur Wiederherstellung ihrer Assets auf einer Hardware-Wallet eines anderen Herstellers eingegeben haben, leben nun gefährlich. Denn entscheidend ist das Verfahren, in dem die Seedphrase entsteht, wenn also eine Wallet erstmalig angelegt wird.

Jeder aktuelle oder ehemalige Coldcard-Nutzer sollte daher seine Assets so schnell wie möglich auf eine Wallet eines anderen Herstellers wie Trezor, OneKey, oder BitBox übertragen. Einzig Coldcard-Nutzer, die ihren Seed per Dice Roll Feature erstellt, ihn also gewürfelt haben, sind von dem Bug nicht betroffen (siehe Exkurs Wie Hardware-Wallets echte Entropie erzeugen).

Rob Hamilton, Experte für Kryptosicherheit, bestätigte in einem Gespräch mit Natalie Brunell, dass ein neues chinesisches KI-Modell namens Kimi K3, das er befragte, innerhalb kurzer Zeit die fehlerhafte Zeile im Programmcode der Coldcard-Firmware entdeckt habe.

Lehren aus dem Bug

Quelloffene und frei verfügbare Software kann ein Segen für uns alle sein. Schwarmintelligenz, die reine Verfügbarkeit und allgemeine Verbreitung erhöhen ganz erheblich das Maß an Sicherheit. Software, deren Code einsehbar und zigfach in der Software Dritter verbaut ist, macht Systeme allgemein sicherer als proprietäre und geschlossene Software.

Insbesondere in Zeiten immer leistungsfähigerer Künstlicher Intelligenz kann und muss diese so eingesetzt werden, dass Fehler erkannt, aber nicht repliziert werden.

KIs sind Fluch und Segen zugleich: Sie stellen Entwickler von Sicherheitssystemen vor Herausforderungen, die sie noch vor wenigen Jahren allenfalls erahnen konnten.

Richtig eingesetzt helfen KIs, bessere Software auf den Markt zu bringen und Lücken schneller zu schließen.

Entwickler wie Novak, die sich der Schwarmkontrolle verschließen oder Community-Projekte torpedieren, holt das Karma ein. Coinkite dürfte sich von diesem Vorfall nicht mehr erholen.

„Don’t Trust – Verify“

Bitcoin-Halter, die im Grunde alles richtig machen und ihre privaten Schlüssel auf einem vermeintlich sicheren Gerät verwahren, zahlen mitunter einen hohen Preis für ihr Vertrauen.

Und Bitcoiner, ja wir alle, die wir „Don’t Trust – Verify“ predigen, dann aber ausgerechnet Nicht-Open-Source-Produkte nutzen und auch den Code nicht selbst überprüfen oder überprüfen können, sollte dieser Vorfall eine Lehre sein.

Quellen:

Coinkite Sicherheitshinweis: https://blog.coinkite.com/coldcard-mk3-seed-generation-warning

@sesi_the_man: https://twitter.com/sesi_the_man/status/1949514732655845788

Mattthew Kratter: The Latest On The Coldcard Disaster (Steps You Can Take Now)


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